Herbst 2020 – Remote Interviews – was sagt die Wissenschaft?

Seitdem Corona Virus haben wir uns alle ungestellt auf Skype, Zoom, Teams usw. Bei aller Pragmatik, unklar ist, was sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Unterschieden gegenüber dem klassischen Vorgehen in Präsenz. Wir haben für Sie dazu ältere und brandneue Studien zusammengestellt.

Prof. Dr. Christof Obermann

Metaanalyse – schärfere Beurteilungen bei Videointerviews

In der Metaanalyse wurden 12 Einzelstudien mit insgesamt N=1.557 Probanden zu technisch unterstützten Interviews (neben Video auch Telefoninterviews) zusammengefasst. Es gab einen leichten bis mittleren Effekt auf die Beurteilungen dahingehend, dass diese bei technisch unterstützen Interviews etwas kritischer ausfielen (d = 0,41). Gleichzeitig waren auch die Reaktionen / Einschätzungen der Interviewten etwas kritischer als beim klassischen Präsenzinterview (d = 0,36).

Quelle:  Blacksmith, N., Willford, J. C., & Behrend, T. S. (2016). Technology in the employment interview: A meta-analysis. Personnel Assessment and Decisions, 2, 12–20.

Vergleich asynchrone Interviews mit Videointerviews

In dieser Studie werden Interviews per Videokonferenz (Skype) mit asynchronen zeitversetzten digitalen Interviews verglichen. Dabei wurden in einem experimentellen Vorgehen N=113 Probanden zufällig einer der beiden Interviewformen zugeordnet. Die Wahrnehmung von Interviewten ist, dass asynchrone Interviews als etwas weniger vertrauenswürdig empfunden wurden. Im Unterschied zu anderen Studien wurden die Teilnehmer von den Interviewern in den Live Skype Interviews besser eingeschätzt als in den aufgezeichneten Interviews. Der Unterschied ist mit d=0,22 jedoch eher gering.

Quelle: Langer, M., König, C.J., & Krause, K. (2017). Examining digital interviews for personnel selection: Applicant reactions and interviewer ratings. International Journal of Selection and Assessment, 25, 371– 382

Immer schön für die Videokamera lächeln – Akzeptanz von Videointerviews

In dieser Befragung wurden N=154 Personen im Arbeitsleben zu ihren Einschätzungen gegenüber klassischen Präsenzinterviews, Videointerviews und asynchronen, zeitversetzten Interviews befragt. Ergebnis: Von den Teilnehmern werden Präsenzinterviews als fairer wahrgenommen als technisch moderierte Interviews. Dabei schneiden asynchrone Interviews in der Wahrnehmung relativ am schwächsten ab.

Quelle: Basch, J., Melchers, K., Kegelmann, J., Lieb. L (2020). Smile for the camera! The role of social presence and impression management in perceptions of technology-mediated. In. Journal of Managerial Psychology, 35 (4).

Videointerviews: Wahrnehmung von geringerem Augenkontakt und weniger Impression Management

In einer experimentellen Studie wurden von den Autoren bei N=114 Teilnehmern die Bewertungen und Wahrnehmungen von Präsenzinterviews und Videointerviews verglichen. Ergebnisse: Die Beurteilungen der Kandidaten fielen im Videointerview geringer / kritischer aus als im klassischen Interview. Zurückgeführt wurde dieser Effekt auf die geringere sozialen Präsenz, den geringen Augenkontakt und reduzierte Möglichkeiten für Impression Management. Auf Teilnehmerseite gab es mehr Mistrauen zum Datenschutz.

Quelle: Basch, J., Melchers, K., Kurz, A., Krieger, M. & Miller, L. (2020). It Takes More Than a Good Camera: Which Factors Contribute to Differences Between Face-to-Face Interviews and Videoconference Interviews Regarding Performance Ratings and Interviewee Perceptions? Journal of Business and Psychology

Interviewkandidaten: Subjektiv geringere Chancen, das Interviewergebnis zu beeinflussen

In dieser Studie wurden amerikanische MBA Studenten entweder zu simulierten Video- oder zu Präsenzinterviews eingeladen. Vergleichen wurden die Reaktionen der Interviewten, aber auch Unterschiede in den Bewertungen. Die Einschätzung der Kandidaten war zu den Videointerviews, dass man hier meinte, weniger Chancen zu haben, das Interview in die eigene Richtung zu beeinflussen. Auch wurden die Interviewer selbst kritischer bewertet – u.a. deren Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit. Die Interviewer waren im Mittel kritischer zu den Kandidaten über Video und weniger oft bereit, eine positive Positionsempfehlung abzugeben.

Quelle: Sears, G. J., Zhang, H., Wiesner, W. H., Hackett, R. D., & Yuan, Y. (2013). A comparative assessment of videoconference and face-to-face employment interviews. Management Decision.

Eingeschränkte Beobachterübereinstimmung zwischen Videointerviews und Präsenzinterviews

In dieser relativ älteren Studie von 2006 wurden Kandidaten alternativ entweder in Präsenzinterviews beurteilt oder auf der Basis von auf Video aufgenommenen Interviews eingeschätzt. Die Ergebnisse zeigen, dass Kandidaten in Präsenzinterviews signifikant besser bewertet werden als die gleichen Personen im Videointerview. Die Interviewerteams lagen auch jeweils weiter auseinander: Zwischen Präsenzinterviews und Videointerviews war die Korrelation der Assessments nur r = 0,31 – zwischen den Ratings bei Präsenzinterviews hingegen bei r = 0,73.

Quelle:  Van Iddekinge, C. H., Raymark, P. H., Roth, P. L., & Payne, H. S. (2006). Comparing the psychometric characteristics of ratings of face-to-face and videotaped structured interviews. International journal of selection and assessment, 14(4), 347359

Valididätsnachweise für asynchrone Videointerviews

Für N=75 berufstätige Personen wurden asynchrone Videointerviews durchgeführt und gleichzeitig Kriterien des Berufserfolgs erhoben – allerdings nur im Rahmen einer Selbsteinschätzung. Kriterien waren u.a. Fähigkeiten, Wissen, Social Skills. Dabei ergab sich ein positiver Zusammenhang zwischen den Bewertungen der Videointerviews und diesen Kriterien des Berufserfolgs. Nur gering waren die Korrelationen zwischen den Beurteilungen und der Dauer der Berufserfahrung.

Quelle: Gormann, C., Robinson, J., Gamble, J. (2018). Practice and Research. An Investigation into the validity of ansychnronous web-based video employment interview ratings. Consulting Psychology Journal: 2018, Vol. 70, No. 2.