Wie alles begann – Geschichte Assessment Center

Teil 1 – Deutsche Ursprünge

In den 40er Jahren war die die Wehrmacht mit Abstand größter Arbeitgeber für Psychologen. 1942 waren bei der Luftwaffe 150 und bei der Wehrmacht 450 Psychologen beschäftigt. Vorläufer des heutigen AC finden sich erstmals ab 1926/27 in der Weimarer Republik zur Offiziersauswahl der Reichswehr. Eng verbunden mit der Entwicklung des AC-Gedankens sind die Namen Rieffert und Simoneit. Bereits 1920 gründete Rieffert im Auftrag des Reichswehrministeriums ein psychologisches Forschungszentrum an der Universität Berlin. Später kam es zur Gründung des psychologischen Laboratorium beim Reichswehr- und Reichskriegsministerium. Die Hauptaufgabe bestand in der Verbesserung der Auswahlmethoden für Offiziersanwärter.

Statt Psychotechnik Gestaltpsychologie

Dabei lehnte sich Rieffert an die Überzeugungen der Ganzheits- und Gestaltpsychologen an, allen voran Kurt Lewin. Er betonte also die Notwendigkeit, den Menschen als Ganzheit zu betrachten, die mehr ist als die Summe ihrer einzelnen Teile. Seine Position, die man auch schlagwortartig als „charakterologischen“ oder „organischen“ Ansatz kennzeichnen könnte und die er bereits 1922 formuliert, fasst sein Nachfolger im Amt, Simoneit 1933 folgendermaßen zusammen: „Eine isolierte Messung und Bewertung einzelner, durch Berufsanalyse bestimmter seelischer Fähigkeiten ist zwecklos; erst die Lagerung der isoliert gedachten seelischen Fähigkeiten innerhalb der seelischen Gesamtveranlagung lässt Schlüsse auf zukünftige Verhaltensweisen zu; – Daher ist die Ablösung des psychotechnischen durch das charakterologische Arbeitsprinzip notwendig, – dabei Psychotechnik als Leistungsmaßmethode, Charakterologie als Lehre von der gesamten seelisch-körperlichen Veranlagung einschließlich der Werteinstellungen verstanden“ (Simoneit 1933, S. 44).

Rundgespräch als Vorläufer der Gruppendiskussion

1926 führte Rieffert das „Rundgespräch“ als einen Baustein des Offizier-Auswahl-Verfahrens ein, der bis heute (unter dem Begriff der „Gruppendiskussion“) zu den Standard-Bausteinen des AC zählt. 1927 wurde die Teilnahme an dieser ersten Form eines AC zwingend für alle Offiziersanwärter vorgeschrieben. Simoneit zählt die folgenden Verfahren auf, die im Rahmen des Auswahlverfahrens der Wehrmacht zum Einsatz kamen (vgl. Simoneit 1933, S. 46-57): Lebenslaufanalyse (Messziel: biografische Daten, „die auf die seelische und geistige Entwicklung Einfluss gehabt haben könnten“, zum Beispiel Reisen). Ausdrucksanalyse (Messziel: Formen einer „seelischen Äußerung ohne bewusste Zielordnung und ohne Anteilnahme des Bewusstseins“; Methoden: Analyse der Mimik, Pantomimik, Sprech- und Sprachformen, Schriftanalyse). Geistesanalyse (zum Beispiel Rechenaufgaben, – Tests und Aufsätze über technische Filme, mit anschließender Exploration). Handlungsanalyse (Methoden: Reaktionsprüfung an Apparaten, Sportaufgaben und „Befehlsreihe“, das heißt „der Prüfling hat hierbei zwar Befehle auszuführen, jedoch bleibt die Gestaltung der Ausführung in weit gehendem Maße seine Sache.“). Führerprobe (Methode: gemeinsame Aufgabenlösung mit fremden unterstellten Soldaten, dabei Ausdrucks-, Geistes- und Handlungsanalyse). Schlusskolloquium (Messziel: Verhalten in einer „vertrauten“ Gemeinschaft; Methode: kontroverse Diskussion unter den Prüflingen). Der Ablauf eines solchen Auswahlverfahrens der Wehrmacht gestaltete sich dabei so, dass zwei Prüfungsgruppen mit je vier Teilnehmern über drei Tage von Beobachtern beurteilt wurden. „Das Auswahlgremium bestand aus ständigen Mitgliedern der Prüfstelle, dem Prüfstellen-Kommandeur als Vorsitzenden, mehreren Psychologen, zwei aus der Truppe dazu kommandierten Offizieren sowie einem Sanitätsoffizier (Psychiater). Das Auswahlverfahren dauerte drei Tage, die Offiziersanwärter waren in den Prüfstationen oder in der Nähe untergebracht. In dieser Zeit hatten die Truppenoffiziere die Aufgabe, die Teilnehmer außerhalb der Prüfungen zu betreuen. So konnte zusammen mit dem Prüfverfahren ein umfassendes Bild vom Probanden entstehen und beurteilt werden. Ohne weitere Details wurde den Kandidaten später das Ergebnis durch das Heerespersonalamt mitgeteilt. Im Höhepunkt wurden 1936 etwa 40.000 Kandidaten in 15 Zentren der Heerespsychologie begutachtet. Allerdings kam es im Jahre 1942 zur Abschaffung der deutschen Wehrmachtspsychologie. Möglicherweise steht dies im Zusammenhang damit, dass die Söhne vieler prominenter Nationalsozialisten durch die deutsche Wehrmachtspsychologie als untauglich für die Offizierslaufbahn befunden wurden. Unter den prominenten Kandidaten waren der Neffe von Hermann Göring und der Sohn des Generalfeldmarschalls Keitel.

Max Simoneit, Begründer der AC-Vorläufer*

Da Simoneit sich weigerte, bei der Auswahl der Offiziersanwärter auch deren Einstellung zum Nationalsozialismus zu prüfen, richteten sich die Angriffe gegen diese Prüfungen überhaupt. Die Leitung der Hitlerjugend, die selbst die Auswahl der Offiziersanwärter erstrebte, schaltete sich in diesen Kampf besonders ein. Über die ganzen Jahre hatte es Simoneit geschafft, nicht Parteimitglied werden zu müssen. Im Jahr 1942 richtete die Ortsgruppe Berlin-Frohnau der NSDAP die Aufforderung an ihn, in die Partei einzutreten. Er war in seinem Wohnbezirk eine bekannt gewordene Persönlichkeit. Am 17.12.1942 wurde die Dienststelle und komplette Wehrmachtspsychologie aufgelost. Der Leiter Simoneit wurde abgesetzt. Zu Kriegsende war Simoneit schon bald in das ehemalige KZ Neuengamme eingeliefert. Hier gab es eine historisch interessante Anekdote. Die Verpflegungslage im Lager Neuengamme war nicht besonders und konnte aufgebessert werden durch demokratisches Wohlverhalten. Simoneit und zwei andere Kollegen kamen auf die Idee, einen Psychologen-Verband zu gründen. Deshalb wurde – so Simoneit – im Lager Neuengamme der Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) gegründet. Nach dem Krieg bemühte sich Simoneit erfolglos, sich bei einzelnen Hochschulen zu bewerben. Dies war frustrierend, weil viele bekannte Hochschullehrer der Nachkriegszeit seine ehemaligen Mitarbeiter waren. Simoneit lebte nach dem Krieg dann in Köln und wurde alkoholkrank. Er starb einsam, aber nicht allein – wie er die letzten Jahre gelebt hatte – am 2. Februar 1962 im Wachsaal der Psychiatrischen Universitätsklinik in Köln. Ein ungewöhnliches Leben war zu Ende gegangen. *Der Absatz besteht im Wesentlichen aus Auszügen des unveröffentlichten Manuskripts von Bönner, K.H. (1986). Das Leben des Dr. phil. habil. Max Simoneit.