Bewerber: „Diese Frage möchte oder kann ich nicht beantworten.“

… diese Antwort ist von einem Bewerber unwahrscheinlich. Wie das Unternehmen möchte er sich in einem positiven Licht darstellen und sich für die jeweilige Position bewerben. Er wird nicht sagen, dass er in diesem oder jenem Aspekt noch über wenig Erfahrung oder Kompetenzen verfügt. Die sozial erwünschte Ausweichreaktion des Bewerbers besteht darin, weiterzureden, jedoch nicht genau auf die Ausgangsfrage einzugehen. Der wenig professionelle Interviewer lässt sich durch interessante Beispiele und Anekdoten ablenken und hat vielleicht nicht den Mut nachzufragen, weil er in der Fachlichkeit des Bewerbers nicht mitkommt.

Der häufigste Fehler in der Interviewführung

Unserer Erfahrung nach besteht hierin der häufigste Fehler in der Interviewführung: Die eigentliche Ausgangsfrage wird durch den Bewerber nicht beantwortet. Wenn z. B. nach Beispielen für persönliche Innovationsbeiträge des Bewerbers gefragt wird, dann kann der Bewerber, der eigentlich hierzu nichts vorzuweisen hat, Innovationen ausführen, die von der Firma oder die von Kollegen in der Abteilung initiiert wurden. Wenn der professionelle Interviewer dies nicht realisiert und etwa nach weiteren Details zu den Innovationen fragt, die eigentlich gar nichts mit der Ausgangsfrage zu tun haben, dann ist er in die erste Falle gelaufen.

Im Interviewbeispiel in der nebenstehenden Abbildung haben wir dazu einen typischen Ausschnitt aus unserer Interviewpraxis festgehalten. Der noch nicht so erfahrene Interviewer hat schon einmal gehört, dass es gilt, jeweils nach konkreten Beispielen nachzufragen. Also bietet der Bewerber eine Geschichte an, die an der ursprünglichen Frage haarscharf vorbeigeht, der Interviewer fragt zu der angebotenen Geschichte nach und entfernt sich immer mehr von der Ausgangsfrage. Ergebnis: Der Bewerber hat die Gesprächsführung übernommen.

Ist die Ausgangsfrage beantwortet worden?

Die wichtigste Regel für den Interviewer ist daher, streng darauf zu achten, ob die Ursprungsfrage auch beantwortet wird. Selbst für den professionellen Interviewer bedeutet dies manchmal ein Höchstmaß an Konzentration. Dass der Bewerber nicht genau die Frage beantwortet, ist meist nicht schon im ersten oder zweiten Satz erkennbar. Wenn sich andeutet, dass die Ursprungsfrage nicht beantwortet wird, gilt es einzugreifen: „Ich habe mich vielleicht etwas zu ungenau ausgedrückt, meine Frage war, welche Innovationen Sie selbst bei Ihrem Arbeitgeber initiiert haben …“ Eine zweite Chance reicht aus, um ein mögliches Missverständnis zu einer Frage zu klären. Wenn die Antwort beim zweiten Mal wieder in die falsche Richtung geht, dann will oder kann der Interviewte die Frage nicht konkret beantworten, dann kann man getrost auch zur nächsten Frage übergehen.

Dabei hilft eine Vorgehensweise, auf die wir noch häufig zurückkommen: Die Fragen muss der Interviewer im Rahmen des Interviewleitfadens schriftlich vor sich liegen haben. Kein Interviewer kann prüfen, ob die Ausgangsfrage beantwortet wurde, die nächste Frage zum Nachhaken gedanklich vorbereiten, mitschreiben und auch noch zuhören. Die Fragen ausgedruckt vor sich liegend, behält der Interviewer die Steuerung und realisiert, ob der Bewerber auch auf die Fragen eingeht.

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