Wie geht es uns im Homeoffice? Studienergebnisse zu den letzten zwei Jahren

Prof. Dr. Christof Obermann

Mangel an Sozialkontakten

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist der Anteil an Mitarbeitenden, die im Homeoffice arbeiten, rasant gestiegen. Aber wie geht ihnen damit?

Eine aktuelle Studie der Universität Leipzig (Reintjes, 2022) gibt Aufschluss. In vierwöchigen Abständen wurden Arbeitnehmende zu den jeweils letzten vier Wochen befragt. Ergebnis: Ein großer empfundener Nachteil der Arbeit im Homeoffice ist, dass soziale Kontakte zu Vorgesetzten und Kollegen Schritt für Schritt schwinden (siehe Abbildung 1). Dieser Rückwärtstrend ist seit April 2020 zu beobachten.  

Parallel zur Lockerung des Lockdowns im Mai 2021 ist in der Verlaufskurve gut zu erkennen, wie der Kontakt von Arbeitnehmenden zu ihren Kollegen und Vorgesetzten wieder etwas zunahm, dennoch lässt sich seither erneut ein Trend in die entgegengesetzte Richtung beobachten. Generell ist das Isolationsempfinden der Arbeitnehmenden auf einem niedrigen Niveau (Werte < 2,5) (Reintjes, 2022).

Dabei handelt es sich hier um Durchschnittswerte. Zu vermuten sind große individuelle Unterschiede, je nach Persönlichkeit (z.B. Intra- / Extraversion) und Lebensumständen (z.B. Kinderbetreuung im Lockdown ja / nein) der Befragten.

Alternative Kommunikationsmethoden wie beispielsweise Mails oder Videokonferenzen reichen vermutlich nicht aus, um den Wegfall des direkten Sozialkontaktes im Büro zu kompensieren (Reintjes, 2022).

Seit Ausbruch der Pandemie nimmt der Anteil derer, die an einer Depression erkranken, weltweit stark zu. Insgesamt lässt sich 2020 ein Anstieg von mehr als 27% im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen (COVID-19 Mental Disorders Collaborators, 2021). Menschen, die generell empfindlicher auf Stressoren reagieren – beispielsweise durch Veranlagung oder frühkindliche Erfahrungen – neigen eher dazu, durch viele Stressoren eine Depression zu entwickeln (Witte, 2020). Die subjektiv empfundene soziale Isolation im Homeoffice kann einen solchen möglichen Stressor darstellen (Franck, Molyneux & Parkinson, 2016).

Abbildung 1: Kontakt zu Führungskraft/Kollegen im Homeoffice

Quelle: Reintjes, R. (2022), eigene Darstellung

Homeoffice – der vertraute Wohlfühlort

Trotz der genannten negativen Auswirkungen des Homeoffice, berichten die rund 1000 Befragten aus verschiedenen Wirtschaftsbereichen überwiegend positiv vom Homeoffice (Reintjes, 2022). Die allgemeine Zufriedenheit der Befragten steigt insgesamt seit Beginn der Pandemie (siehe Abbildung 2) – insbesondere auch wieder seit Ausbruch der neuen Omikron-Welle gegen Ende 2021 / Anfang 2022.

Eine Studie der Hans Böckler Stiftung (2020) zeigt, dass eine große Mehrheit der Befragten der Meinung ist, dass sich Familie und Berufsleben im Homeoffice besser miteinander vereinbaren lassen. Zudem empfindet die Mehrheit der Befragten die Arbeit aus dem Homeoffice als nicht anstrengender als im Büro (Hans Böckler Stiftung, 2020). Eine weitere Ursache für eine gesteigerte Zufriedenheit im Homeoffice könnte beispielsweise auch der Wegfall der Fahrtzeit zum Büro sein, die insbesondere für Pendler teilweise mehrere Stunden am Tag in Anspruch nimmt.

Die Studie der Universität Leipzig zeigt, dass das Homeoffice für die Befragten ein vertrauter Ort ist, an dem sie sich wohlfühlen. Das Homeoffice stellt für sie eher einen Ort der Kreativität und Entspannung dar als einen Ort der Anforderungen. Zudem sind die Arbeitnehmenden davon überzeugt, dass sie ihre Leistung auch aus dem Homeoffice weiterhin erfolgreich erbringen können (Reintjes, 2022). Weitere Ergebnisse anderer Studien zeigen sogar, dass manche Arbeitnehmenden ihre Arbeitsweise im Homeoffice als effizienter ansehen und die empfundene Produktivität in den eigenen vier Wänden steigt (Kunze, Hampel & Zimmermann, 2020; Frodermann, Grunau, Haas & Müller, 2021).

Abbildung 2: Zufriedenheit im Homeoffice Anmerkungen

Quelle: Reintjes, R. (2022), eigene Darstellung

Es wird vermutet, dass die Arbeitnehmenden auch weiterhin vermehrt im Homeoffice bleiben. Aktuell verbringen die Befragten rund 58% ihrer Arbeitszeit zu Hause (Stand: Januar 2022). Ob das Homeoffice gesamtheitlich betrachtet, eher positiv oder negativ zu beurteilen ist, lässt sich nicht so leicht pauschalisieren. Laut den Forschern liege es insbesondere in der Hand der Führungskräfte, das Arbeiten aus dem Homeoffice verträglich für die Mitarbeitenden zu machen (Reintjes, 2022). Vorgesetzte müssten auch im Homeoffice auf ihre Mitarbeitenden achten, regelmäßig ihre Stimmung im Blick halten und mögliche Indikatoren, die beispielsweise auf eine Depression hindeuten, frühzeitig identifizieren (Witte, 2022). Die Anforderung an Führungskräfte steigt, Austausch und Bindung aktiv zu organisieren – was vorher so von allein mitlief.

© Dirk Meissner

Interviews und Auswahlverfahren im Homeoffice geschätzt

Interviews, AC und Potenzialanalysen laufen seit Corona auch vorwiegend remote. In einer aktuellen Studie von Obermann (2021) wurden reale AC-Teilnehmende verschiedener Assessment- und Development Center zu Ihren Einschätzungen befragt. Interessantes Detail: Die Einschätzung wurde abgefragt, nachdem diese ihr finales Feedback im Hinblick auf Beförderung oder Einstellung erhielten – immerhin über 40% mit einem negativen Votum.

Insgesamt bewerten die Befragten die Remote-Variante positiv. Über 66% der Befragten sahen die Remote-Durchführung als gleichwertig oder sogar besser an als die Durchführung in Präsenz. Im Detail befragt, gaben die AC-Absolventen den Aspekt der gesteigerten psychologischen Sicherheit an, begünstigt durch die eigenen vier Wände: Die Teilnehmenden befinden sich in einem gewohnten Umfeld, können ihre Pausen dort verbringen und sich entsprechend ihrer eigenen Präferenzen versorgen. Ein weiterer Vorteil des Remote-ACs sind entfallende Reisekosten und ein geringerer zeitlicher Aufwand für Kandidaten und Assessoren. Zwar können aufseiten der Teilnehmenden auch Sorgen in Bezug auf die Stabilität der Internetverbindung oder eine fehlende Wirkung der Körpersprache durch den Kameraausschnitt entstehen, doch schätzen sie die Vorteile der Remote-Durchführungen. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass auch in post-pandemischen Zeiten die Durchführung der Verfahren in einem digitalen Setting eine gute Möglichkeit darstellt, welche zudem die Akzeptanz der Teilnehmenden sichert (Obermann, 2021). Allerdings gab es auch hier eine Varianz in der Einschätzung Vergleich Remote vs. Präsenz-AC: 34% der AC-Absolventen würden eine Präsenz-Durchführung bevorzugen – Hauptargument war hier, dass man befürchtete, durch die fehlende 3D-Präsenz nicht so wirksam und perfekt bei dem Arbeitgeber herüberzukommen wie in einem Life-Setting (Obermann, 2021).

Obermann Consulting: Trainings- und Coachingangebot zu „Führen im Homeoffice“

Die neue Arbeitssituation im Homeoffice erfordert auch ein neues Führungsverhalten: eine veränderte Art der Kommunikation und neue Führungsmechanismen (Roscher & Begerow, 2020). Es besteht Bedarf an einer guten virtuellen Führung, die beispielsweise durch gezielte Führungskräftetrainings sichergestellt werden kann (Kunze et al., 2020).  

Aus diesen Erkenntnissen haben wir verschiedene maßgeschneiderte Trainingsangebote abgeleitet, die als Ganzes oder in Einzelmodulen gebucht werden können:

Quellen:

Franck, L., Molyneux, N., & Parkinson, L. (2016). Systematic review of interventions addressing social isolation and depression in aged care clients. Quality of Life Research, 25(6), 1395-1407.

Frodermann, C., Grunau, P., Haas, G. C., Müller, D. (2021). Homeoffice in Zeiten von Corona: Nutzung, Hindernisse und Zukunftswünsche. IAB-Kurzbericht, 5, 1-12.

Hans Böckler Stiftung. (2020). Homeoffice: Besser klar geregelt. Arbeitswelt – Böckler Impuls, 15, 1-2.

Kunze, F., Hampel, K. & Zimmermann, S. (2020). Homeoffice in der Corona-Krise: eine nachhaltige Transformation der Arbeitswelt? Policy Papers / Cluster of Excellence ‚The Politics of Inequality‘, 2, 1-9.

Obermann, C. (2021). Remote Assessment Center vs. Traditionelle Assessment Center: Auswirkungen auf den Schwierigkeitsgrad und das Erlebnis der Teilnehmer/innen. In: Wirtschaftspsychologie IV 2021, „Eignungsdiagnostik für die 2020er-Jahre“

Reintjes, R. (2022, 23. Januar). Exklusive Daten aus Langzeitstudie Die Wahrheit über das Homeoffice in fünf Grafiken. WirtschaftsWoche. https://www.wiwo.de/erfolg/beruf/exklusive-daten-aus-langzeitstudie-die-wahrheit-ueber-das-homeoffice-in-fuenf-grafiken/27992164.html?xing_share=news

Roscher, S., & Begerow, E. (2020). Führung im Homeoffice–Wandel der Führungsrolle und neue Herausforderungen. DGUV Forum, Schwerpunkt Homeoffice, 8, 10-13.

COVID-19 Mental Disorders Collaborators (2021). Global prevalence and burden of depressive and anxiety disorders in 204 countries and territories in 2020 due to the COVID-19 pandemic. Lancet398(10312), 1700–1712.

Witte, F. (2022, 28. Januar) Werden wir im Homeoffice eher depressiv? faz.net. https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/macht-homeoffice-eher-depressiv-17763325.html?premium=0x46ee42027bd32f60d43b5a3d43130689&GEPC=s5

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